Im modernen Innovationsprozess bildet der Bereich Forschung & Entwicklung (F&E) nicht mehr notwendigerweise den Ausgangspunkt für Innovation. So zeigt sich in der Praxis, dass sich vor allem in den letzten Jahren, wegen der stark zunehmenden Dynamik und den damit schwer prognostizierbaren Märkten, der Innovationsprozess angepasst hat und selten das Ergebnis linearer Prozesse ist. Um mit den Märkten und den stetig steigenden Kundenerwartungen Schritt zu halten, ist das Thema Innovation in ihren unterschiedlichsten Formen von zunehmender Bedeutung.

Um diesen Entwicklungen Rechnung zu tragen hat die Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) eine Studie zur Bedürfnisanalyse und Erweiterung des eigenen Innovationsverständnisses in Auftrag gegeben. Mittels Tiefeninterviews und Workshops konnten erste Erkenntnisse gewonnen werden, welche Bedürfnisse und Herausforderungen innovative Projekte ohne F&E-Fokus haben.  Als Fokusgruppe wurden innovative Startups, etablierte Unternehmen und Experten definiert, die Innovation nicht primär durch F&E-Aktivitäten betreiben. Die Ergebnisse sollen im Folgenden kurz vorgestellt werden.

Innovationsverständnis der Fokusgruppe

Die Ergebnisse zeigen, dass eine Einstufung in verschiedene Innovationsklassen in der Praxis oftmals schwierig ist. Ein Großteil der Innovationen entsteht durch „Learning by doing“, anhand von inkrementellen Schritten, die nahe am und um den Kunden entwickelt werden. Daher sind Impact[1] und Outcome[2] für die Zielgruppe entscheidender als der Neuheitsgrad. Weiteres entsteht Innovation oftmals nicht nur durch ein einzelnes Produkt oder eine Dienstleistung, sondern ist die Summe einer ganzheitlichen Lösung.

„Innovation ist nicht nur Technologie, sondern eine Gesamtlösung die mit einem Kundenproblem startet.”[3]

Aus Sicht der Fokusgruppe ist eine Lösung innovativ, sobald es neu für das Unternehmen ist. Für die beteiligten Personen war daher nicht der Anspruch an Neuheit für eine gesamte Branche wichtig. Wichtig ist die Lösung eines Bedarfes und/oder relevanten Problems, das in einem gewissen Kontext auftritt.

Als wichtige Erkenntnis lässt sich festhalten, dass Innovation für die Fokusgruppe ein Zusammenspiel aus Neuheitsgrad und Impact/Outcome ist, und sich nicht sauber nach Service, Produkt-, oder Geschäftsmodellinnovation abgrenzen lässt.

Innovation durch Experimente

Der Innovationsprozess ist ein iterativer Prozess des Experimentierens. Es lässt sich zu Beginn nur sehr schwer definieren, welche Ergebnisse am Ende erzielt werden. Im frühen Innovationsprozess durchläuft das Projekt mehrere Phasen mit unterschiedlichen Herausforderungen, die es zu lösen gilt. Je nach Phase bedürfen diese Lösungen ebenso unterschiedliche Herangehensweisen und Beurteilungskriterien bei der Förderungsentscheidung.

Die Wahrnehmung der aktuellen Förderprogramme ist allerdings, dass diese oft mit einem sehr aufwendigen Prozess einhergehen und zu wenig Flexibilität für Anpassungen bieten. Laut Zielgruppe sind die größten Herausforderungen das Zurechtfinden im „Förderdschungel“, die geringe Flexibilität im Förderprozess bei Änderungen im Projekt sowie die zu hohe Bürokratie und der zu hohe Aufwand bei Förderanträgen.

 „Jemand der wirklich an einem Projekt arbeitet kann sich oft gar nicht die Zeit nehmen um Förderanträge zu stellen und abzuwickeln.“[4]

„Innovationsprozesse sind iterativ und nur schwer planbar, durch die aktuellen Anträge wird versucht etwas Ungreifbares greifbar zu machen und entspricht oftmals nicht der Realität, z.B. weiß man bei vielen Innovationen die mit einem Kundenproblem beginnen oftmals noch nicht welche Lösung am Ende entsteht.“[5]

Dies zeigt, dass die Förderung nach einem Multi-Step Ansatz sinnvoll wäre. Das bedeutet: den Förderprozesses in mehrere Phasen entlang des Innovationsprozesses zu unterteilen. Dies schafft Freiraum für Veränderungen und Anpassungen der Projekte und ermöglicht einen flexibleren Förderprozess, der dem iterativen Charakter von Innovationsprozessen in der frühen Phase entspricht.

Neue Förderungsansätze

Die Ergebnisse zeigen, dass es nicht zielführend ist zwischen den unterschiedlichen Innovationsarten zu unterscheiden. Einerseits aufgrund der sehr ähnlichen Muster an Herausforderungen und andererseits, da eine klare Abgrenzung nur sehr schwer möglich ist. Wichtig ist es, Projekte zu fördern, die einen gewissen Neuheitsgrad haben und eine langfristige positive Wirkung erzielen.

Die Ergebnisse der Studie unterstützen das aktuelle Verständnis des iterativen und schlanken Innovationsprozesses (siehe Lean Startup).[6] Im Zuge dessen wünscht sich die Zielgruppe auch eine Anpassung der Förderungsstrukturen, um mit den aktuellen Trends und Entwicklungen Schritt halten zu können.

„Förderungen sollten verwendet werden können zum Lernen.“[7]

Wichtig ist der Fokusgruppe, dass Förderungen Kooperationen und Wissensaustausch ermöglichen, Raum zum Experimentieren schaffen, Zugang zu Expertise gewährleisten, finanzielle Unterstützung bieten und Anpassungen im Prozess möglich machen.

Für die Ausgestaltung eines neuen Förderprogrammes ist es daher wichtig eine niederschwellige Antragslogik zu verfolgen, die umso mehr Mindestkriterien und Anforderungen voraussetzt je weiter das Projekt fortschreitet.

Bei der Bewertung auf Förderwürdigkeit ist es empfehlenswert auch nicht-monetäre Ziele der Projekte, wie z. B. die positive Wirkung für die Gesellschaft oder der Zuwachs an Kunden in einem gewissen Zeitrahmen, in die Beurteilung aufzunehmen. Außerdem sind rasches Feedback und Raum für Anpassungen (etwa mithilfe eines Multi-Step Ansatzes) zu ermöglichen, um dem iterativen Charakter von Innovationsprozessen zu entsprechen. Außerdem ist es bedeutsam, Projekte langfristig zu begleiten, Zeit und Ressourcen zu fördern, die Experimentiermöglichkeiten schaffen, sowie den Zugang zu Knowhow und Expertise ermöglichen.

Der Nutzen für die FFG

Der Nutzen für die FFG mit der Entwicklung eines neuen Förderprogramms ist eine maßgeschneiderte und verbesserte Unterstützung für eine breitere Zielgruppe. Akteure, die bisher wenige Innovationsaktivitäten durchgeführt haben, erhalten Zugang zu FFG-Förderungen und werden damit in ihren ersten Innovationsschritten unterstützt. Die Erfolgschancen von Projekten in unterschiedlichen Innovationsformen ohne notwendigen F&E-Charakter sollten dadurch erhöht werden. Durch die Verfolgung eines Multi-Step Ansatzes ergeben sich für die FFG ein besserer Match zwischen dem Förderprozess und der Projektumsetzung, um auch langfristig als verlässlicher Partner wahrgenommen zu werden, der Flexibilität für nicht planbare Gegebenheiten im Innovationsprozess bietet und eine ganzheitliche Unterstützung ermöglicht. Durch das Schaffen von Zeit und Raum, um bereits zu Beginn des Projektes ordentlich und methodisch durch Iterationsschleifen an das Projekt herangehen zu können, wird die Qualität der Projekte gesteigert und langfristig können positive Effekte für die österreichische Volkswirtschaft sichergestellt werden.

Die FFG hat die Inputs aus dem Projekt aufgenommen und das Pilotprogramm Impact Innovation entwickelt, für welches kleine und mittlere Unternehmen und Organisation bis zum 30. Juni ihre innovativen Projekte zur Lösung einer definierten Problemstellung mit max. € 150.000 Gesamtprojektkosten einreichen konnten. Es konnten 16 Projekte unterstützt werden. Die Hypothesen aus der Bedarfsanalyse werden anhand dieses Pilotprogramms überprüft.

 

Quellen

[1] Definition Impact (Einwirkung): Impact ist die Wirkung von Services oder Projekten, welche über die Wirkungen bei den Zielgruppen hinausgehen. Dies können Wirkungen im Umfeld der Zielgruppen, auf der Ebene der Gesellschaft oder betreffend den Zustand der Umwelt sein. Quelle: Widmer, Thomas, and Thomas De Rocchi., 2012. Evaluation: Grundlagen, Ansätze und Anwendungen. Rüegger
[2] Definition Outcome (Auswirkungen): Ist die direkte Wirkung eines Service oder Projektes bei der Zielgruppe. Quelle: Widmer, Thomas, and Thomas De Rocchi., 2012. Evaluation: Grundlagen, Ansätze und Anwendungen. Rüegger
[3] Zitat aus einem Interview mit der Fokusgruppe
[4] Zitat aus einem Interview mit der Fokusgruppe
[5] Zitat aus einem Interview mit der Fokusgruppe
[6] Eric Ries. 2011. The Lean Startup – How Constant Innovation Creates Radically Successful Businesses. Crown Books.
[7] Zitat aus einem Interview mit der Fokusgruppe